Angst. What a feeling!

Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein.
(…)
Es dient der Welt nicht, wenn du dich klein machst.
(…)

 aus: Marianne Williamson’s  „A Return To Love: Reflections on the Principles of A Course in Miracles“

Warum haben wir Angst vor unserer eigenen Größe? Wie gelingt es, mit der Angst um- und selbstbewusst unseren eigenen Weg zu gehen? Wie kann ein glückliches, zufriedenes Leben gelingen und welche Rolle spielt der „innere Saboteur“ dabei? Ein bereicherndes Gespräch mit dem international tätigen klinischen und Arbeitspsychologen und Gehirnforscher Dr. Hannes Beran.

Hannes, in meinem letzten Artikel habe ich aufgezeigt, dass Selbstoptimierung boomt. Motivationstrainer füllen Hallen mit tausenden von Leuten. Lohnt sich die Investition?
Das muss jeder und jede für sich selbst beurteilen. Ich habe letztes Jahr eine Gruppe von Führungskräften aufgefordert, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, zu schreien und zu toben. Das hat ihnen sicherlich gut getan. Massenhysterie reißt mit. Ich habe ihnen danach jedoch gesagt, dass sich dadurch nichts nachhaltig verändert hat.

Warum funktioniert das Geschäftsmodell dennoch?
Weil die Menschen aus ihrem persönlichen Mikrokosmos mit all den Regelwerken, Anforderungen und Anpassungen ausbrechen können. Das allein tut ihnen gut. Wenn dir einer zuruft „You are the leader of your life“ und du dies gemeinsam mit tausenden von Menschen lauthals schreiend erwiderst „Yes, I am the leader of my life“ um danach zu „Simply the best“ abzutanzen, bewirkt das natürlich einen positiven Rausch der Gefühle.

Glücklicher macht es uns nicht?
Nachhaltig glücklicher eher nicht. Bis zu unserem 14. Lebensjahr hören wir etwa 140.000 – 150.000 Neins. „Du darfst nicht…“, „Pass auf, dass du…“ „Nein, es ist…“, „Du musst das so machen…“, „Sei nicht so….“. Das hinterlässt Spuren in unserem Gehirn. Es ist wie ein Code, der einprogrammiert ist. Und dieser Code lässt sich nicht wie durch ein „Update“ überspielen oder innerhalb von 2-3 Tagen umschreiben. Außerdem ist jedes Gehirn, jeder Code, unterschiedlich. Somit gibt es gibt es fast 8 Milliarden unterschiedliche Gehirne und Codes!

Alles ist möglich! Jeder bekommt, was er sich wünscht! Wir alle kennen Menschen, deren Leben nach Wunschkonzert verläuft, die wie auserkorene Glückskinder wirken, während bei anderen wiederum eine ganze Menge schiefzugehen scheint oder sich das Leben einfach schwieriger gestaltet.
Ob es tatsächlich immer ein Wunschkonzert ist, wissen wir nicht. Meist steckt harte und konsequente Arbeit dahinter. Aber ja, was du ansprichst hat mit Resilienz zu tun. (Anm.: Mit Resilienz wird die Fähigkeit bezeichnet, mit Schicksalsschlägen, Krisen oder neuen, unerwarteten, herausfordernden Situationen lebensbejahend umzugehen und sie als Anlass für die eigene Entwicklung zu nutzen; es ist ein Halt aus innerer Stärke). Wie resilient ein Mensch ist, wird schon drei Monate vor der Zeugung (mit)entschieden. Der Stress, die Angespanntheit und der Zustand der Eltern, wirken sich auf das Kind aus.

Gleiches gilt für den Moment der Zeugung, oder?
Das stimmt, dazu gibt es zahlreiche Studien. Kinder von Eltern, die bei der Zeugung etwa stark alkoholisiert waren, haben eine geringere Lebensenergie. Die haben es später schwieriger. Der Zustand der Eltern vor und insbesondere der Mutter während der Schwangerschaft wirkt sich auf unsere Epigenetik aus. Man kann sich die Gene wie einen Schaltkasten mit 24.000 Schaltern vorstellen. Jeder Mensch kommt mit einem anders geschalteten „Schaltkasten“ – individuellen Information, einer ganz individuellen Programmierung, die in unseren Zellen und unserem Gehirn gespeichert ist – auf diese Welt. Diese „Programmierung“ setzt sich dann in den ersten Lebensjahren fort. So kann ein glückliches Kind durch ein Aufwachsen in einem nicht kindgerechten Umfeld später ein depressiver Mensch werden – und vice versa. In den ersten Lebensjahren werden die Weichen gestellt, die darüber entscheiden, wie wir mit Stress und Herausforderungen umgehen, in welchem Maß wir Glück und Zufriedenheit empfinden können oder wie viel Nähe wir in Beziehungen und Freundschaften zulassen können.

Nun bin ich ja eine Verfechterin der Meinung und weiß aus eigener Erfahrung, dass man nicht Opfer seiner Vergangenheit sein muss. Wir können den „Code“ umschreiben, den Schaltkasten neu programmieren?
Die Idee, dass ich Vergangenheit auslöschen kann, funktioniert nicht. Wir können unsere Geschichte nicht ändern! Was wir jedoch lernen können ist, wie wir bestimmte Situationen, Erlebnisse und Erfahrungen bewerten. Was wir darüber denken, dabei fühlen, welche körperlichen Reaktionen und Empfindungen diese bei uns hervorrufen und welche Handlung wir davon ableiten.

Das heißt, wir lernen uns selbst zu verstehen. Wie lange dauert es, bis ich „die beste Version von mir selbst“ bin?
Das ganze Leben! Wer glücklich ist, lernt und entwickelt sich Tag täglich. Es ist ein komplexer, biochemischer – aber total natürlicher – Prozess, wenn sich neue Nervenzellenverbindungen im Gehirn aufbauen. Bis neue Muster in uns angelegt sind und diese wieder auf „Autopilot“ ablaufen, dauert es 6 bis 12 Monate.

Warum sind wir Menschen nicht aufs Glücklich-sein ausgelegt? Man hat den Anschein, als suche der Geist immer nach etwas, das (noch) nicht gut ist?
Wir nehmen negative Dinge 9x intensiver wahr als positive. Das hat unseren Vorfahren das Überleben gesichert. Erstarren, Kampf oder Flucht, wenn das Mammut vor dir steht!

Schön. In der Steinzeit leben wir nicht mehr!
Aber diese Muster sind in unserem Gehirn gespeichert! Die Menschheit hat Jahrtausende in diesem „Modus“ überlebt! Überleben bedeutet zunächst vorsichtig zu sein, Erfahrungen zu sammeln und ins Grundmuster einzuarbeiten. Wie vorhin erwähnt gibt dann eben auch unser soziales Umfeld alle von ihnen gesammelte Erfahrungen an uns weiter. Wir lernen uns, was (vermeintlich) gut für uns ist und was nicht! An diesem Muster hat sich seit dem „Affe sein“ nichts geändert, weil es sich bewährt hat. Noch!

Zurück zum „Umprogrammieren“: Das kostet Kraft, ist anstrengend…
Die allererste Frage sollte lauten: Habe ich genügen Kraft für meine Entwicklung zur Verfügung? Die meisten haben sie eben nicht. Sie sind im Stress – ihr Körper ist angespannt, die Muskel ziehen sich zusammen, bestimmte Bereiche im Gehirn sind dadurch weniger durchblutet, ebenfalls die Organe. Auch das sind ganz natürliche biochemische Vorgänge in unserem Körper. In diesem Zustand ist das Gehirn nicht aufnahmefähig. Spannung (aus)halten nimmt Kraft und Energie, statt neue Informationen in mein System aufzunehmen zu können. Im entspannten Zustand gelingt das viel leichter. Aber es geht eben nicht von heute auf morgen, von hier auf jetzt, einen jahrelang gehegten und gepflegten negativen Gedanken durch einen positiven zu ersetzen. „Geh weg!“ oder „Ich will das nicht mehr denken!“ – das funktioniert nicht, da können wir uns noch so sehr anstrengen (und dabei verstärken wir ihn auch noch).

Was hilft?
Akzeptieren! Wertfreies betrachten. Geduld und Verständnis. Selbstliebe. Es ist übrigens auch nicht das Fehlen negativer Gedanken und unangenehmer Gefühle, was Menschen glücklich macht. Die haben wir. Die sind in uns. Aufwendige Studien haben gezeigt, dass es vielmehr um das optimale Verhältnis, um die Balance von angenehmen und weniger angenehmen Gefühlen geht. Die angenehmen sollten immer wieder mal überwiegen.

Und dann stellt sich die Frage: Was will ich überhaupt verändern? Wer will ich denn überhaupt sein? Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr „klein mache“.
Wie wahr. Die meisten wissen, was sie nicht (mehr) wollen und richten ihre Aufmerksamkeit darauf, was sie vermeiden wollen. Oder identifizieren sich (unbewusst) mit Sehnsüchten, Wünschen und Zielen von Freunden, dem Autor des Ratgebers oder der Gesellschaft. Aber sind das denn die richtigen für mich? Bin ich bereit, dieses Leben zu leben?  Das finden die wenigsten alleine heraus!

Diese persönlichen Wachstums- und Entwicklungsprozesse sind oftmals mit Ängsten verbunden. Warum und wovor haben wir Angst?
Auch diese Angst entspricht unserer menschlichen Natur. Ihr widerstrebt Veränderung. Das Unbekannte wirkt bedrohlich, macht Angst und führt zu innerem Widerstand. Alles, was ich kenne, gibt mir Sicherheit. Auch wenn es unangenehme Dinge sind. Diese Sicherheit loszulassen, die sogenannte Komfortzone zu verlassen und sich auf unbekanntes Terrain zu wagen, das erfordert Mut und Selbstvertrauen. Das vergessen die „Wundertrainer“ oft. Es sind zwei Eigenschaften, die wir uns ebenfalls nicht in 2 Tagen antrainieren können.

Wie können wir mit der Angst bestmöglich umgehen?
Wie negative Gedanken, können wir auch Ängste nicht auslöschen und radikal los werden. Das Bekämpfen kostet immens viel Kraft und auch das Ignorieren ist nicht zielführend. Angst ist in uns. Lern‘ sie kennen. Lerne, mit ihnen umzugehen. Halte sie. Akzeptiere sie. Tanz‘ mit ihr. Es gibt zahlreiche „Werkzeuge“, die uns unterstützen, mit der Angst umzugehen. Das können wir lernen und so können neue Verknüpfungen herstellt werden.

Man hört und liest immer wieder vom „inneren Saboteur“. Gibt es den wirklich?
Nein, den einen inneren Saboteur gibt es nicht. Vielmehr haben wir eine Heerschar von inneren Saboteuren in uns. Die kennen wir gar nicht alle. Nimm dir ein Blatt Papier und schreib auf der einen Seite: „Du sollst…“ und alles was dir dazu einfällt. Auf der Rückseite „Du musst…“ und alles was dir dazu einfällt. Dann lernst du einige deiner Saboteure – oder Glaubenssätze – kennen.

Letzte Frage: Kann man sich in jedem Moment und jeder Situation gut fühlen? Egal wie dramatisch sie ist?
Ja, denn schlussendlich ist es eine Frage der eigenen inneren Bewertung. Es sind immer meine Gedanken, meine Vorstellungen, meine Überzeugungen, die über meine Gefühle und in weiterer Folge über meine Handlungen entscheiden.

Ein Tipp für alle LeserInnen?
Gönn‘ dir einen Coach, einen Mentor, einen Lehrmeister. Wen auch immer. Aber: Lerne dich kennen. Lerne dich verstehen und dadurch auch die Anderen.

DANKE, lieber Hannes!

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